Klavier – passt das wirklich zu meinem Kind?

Für ein Kind ist diese Frage eng damit verbunden, wie es lernt, übt, Frustration erlebt und trotzdem wieder weitermacht. Das Klavier ist ohne Zweifel ein sehr gutes Instrument. Trotzdem ist es nicht für jedes Kind automatisch die beste Wahl. Entscheidend bei der Instrumentenwahl ist nicht, was besonders wertvoll oder attraktiv erscheint, sondern ob ein Kind Lust hat, dauerhaft zu üben. Der wichtigste Blickwinkel:

Ermöglicht das Instrument kontinuierliches Üben?

Der häufigste Grund, warum Kinder ein Instrument aufgeben, ist nicht mangelndes Talent, sondern dass sich das Üben im Alltag nicht stabil etablieren konnte. Deshalb ist es sinnvoll, sich vor der Wahl eines Instruments zunächst folgende Fragen zu stellen:

  • Kommt mein Kind damit zurecht, regelmäßig allein und selbstständig zu üben?

  • Braucht mein Kind schnelle Erfolgserlebnisse, um motiviert zu bleiben?

  • Gewinnt mein Kind Energie und Motivation durch das Zusammenspiel mit anderen?

  • Fällt es meinem Kind schwer, über längere Zeit ruhig zu sitzen?

Je nach Antwort auf diese Fragen kann dasselbe Instrument für ein Kind sehr gut und für ein anderes sehr belastend sein.

Instrumentenspezifische Merkmale (aus Sicht von Üben und Durchhalten)

Die folgenden Beschreibungen beziehen sich nicht auf Klangschönheit oder Schwierigkeitsgrad, sondern darauf, wie das Üben zu Hause tatsächlich aussieht.

Klavier

  • ermöglicht, Musik vollständig allein zu gestalten

  • der Einstieg ist vergleichsweise leicht, später wird jedoch langes, selbstständiges Üben notwendig

  • das Instrument ist ortsgebunden, Üben findet meist immer am gleichen Platz statt

  • ohne einen klare Übungsablauf verschwimmt leicht der Unterschied zwischen „Tasten drücken“ und gezieltem Üben

Gut geeignet für Kinder, die längere Konzentrationsphasen allein aushalten können und von klaren, strukturierten Übeabläufen profitieren.

Geige und andere Streichinstrumente

  • die Tonerzeugung ist zu Beginn technisch anspruchsvoll

  • hörbare Erfolgserlebnisse stellen sich oft erst nach einiger Zeit ein

  • beim Üben allein entsteht leicht Unsicherheit oder Frustration

  • Streichinstrumente schulen zugleich besonders fein das Gehör und die Körperwahrnehmung

  • im Zusammenspiel mit anderen wird ein differenziertes Hören gefördert und im Ensemble oder Orchester steigt die Motivation häufig deutlich

Gut geeignet für Kinder, deren Übemotivation durch gemeinsames Musizieren im Miteinander deutlich stabiler und ausdauernder ist als durch Alleinüben.

Flöte und andere Blasinstrumente

  • Atemtechnik und Haltung spielen eine zentrale Rolle

  • am Anfang kann die körperliche Belastung höher sein

  • Gehör und Intonation entwickeln sich schnell

  • häufig gute Anbindung an Schul- oder Regionalensembles

Passend für Kinder, die klare Strukturen und Gruppenaktivitäten mögen.

Gitarre

  • relativ schnelle Erfolgserlebnisse möglich

  • vielseitig einsetzbar: solo, Begleitung, Ensemble

  • vereint Melodie, Begleitung und rhythmisch-perkussives Spiel in einem Instrument

  • gleichzeitiges Spielen und Singen ermöglicht ein frühes Erleben von Musik als zusammenhängendes Ganzes

Gut geeignet für Kinder, die gerne mit Klang experimentieren, gern singen und Freude daran haben, Musik unmittelbar praktisch anzuwenden.

Schlaginstrumente / Schlagzeug

  • stark mit Bewegung und Körpergefühl verbunden

  • fördert Rhythmusgefühl und Timing

  • hohe Anforderungen an Raum und Lautstärke

  • unstrukturierte Übezeiten führen schnell zu Unruhe

Passend für sehr aktive Kinder, die über Bewegung lernen.

Blockflöte

  • leicht, kostengünstig und sehr zugänglich

  • die Tonerzeugung ist direkt und intuitiv

  • Atem, Bewegung und Klang sind unmittelbar verbunden und machen Musik früh körperlich erfahrbar

  • Sie eignet sich auch als Einstiegsinstrument für andere Blasinstrumente (z. B. Klarinette, Oboe, Saxophon usw.)

Eine sinnvolle Wahl für den Einstieg oder für Kinder, die Musik zunächst ohne hohen Leistungsdruck kennenlernen sollen.

Auch die Transportierbarkeit spielt eine Rolle

Ob ein Instrument transportabel ist oder nicht, hat zwar keinen direkten Einfluss auf die Spieltechnik, aber einen großen Einfluss darauf, wie Üben und Vorspiel im Alltag stattfinden.

Bei transportablen Instrumenten ist es möglich,

  • auch außerhalb der eigenen Wohnung kurz zu spielen

  • das Vorspielen vor anderen als alltägliche Situation zu erleben

  • Vorspiel nicht als „besonderes Ereignis“, sondern als gewöhnlichen Teil des Lernprozesses wahrzunehmen

Gerade für Kinder, die bei Auftrittssituationen stark nervös sind, kann das eine große Hilfe sein.

Das erste Instrument ist keine endgültige Entscheidung

Die Aufgabe des ersten Instruments besteht nicht darin, den späteren Lebensweg festzulegen, sondern einen Einstieg in das Musizieren zu ermöglichen. Ein Instrument zu wechseln ist kein Scheitern, sondern kann Ausdruck dafür sein, dass man das Kind und seine Lernweise besser verstanden hat.

Zusammenfassung

  • Nicht jedes Kind muss Klavier spielen.

  • Entscheidend ist, ob das Instrument eine tragfähige Übestruktur ermöglicht.

  • Persönlichkeit, Alltag und Lernweise des Kindes sollten bei der Wahl berücksichtigt werden.

Ein gut passendes Instrument ersetzt weder Übung noch Zeit, schafft aber realistische und für das Kind tragbare Bedingungen, unter denen Motivation entstehen kann und Musik für Kind und Eltern langfristig möglich bleibt. Wer Instrumente aus dieser Perspektive betrachtet, wird weniger unter Entscheidungsdruck stehen und klarer beurteilen können, was für das eigene Kind sinnvoll ist.

Gitbi Hucko-Kwon

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